Interview mit Philippe J. Weil Autor des Buches ”In Guten Händen“

AUSZUG

Warum wird Vermögen in Familien oft zur Belastungsprobe?

Die Gründe sind vielfältig. Aber ein wichtiger Aspekt ist sicher, dass Geld in wohlhabenden Familien häufig als Machtinstrument eingesetzt wird. Eltern versuchen damit, das Verhalten ihrer Kinder zu steuern – etwa indem finanzielle Unterstützung an Bedingungen geknüpft wird. Das verändert Beziehungen: Aus einer Erziehungsfrage wird eine finanzielle Abhängigkeit, aus einer Meinungsverschiedenheit ein Verteilungskonflikt. Außerdem werden Geld und seine Verteilung stark emotional aufgeladen: Nicht selten werden Zuwendungen gleichgesetzt mit Anerkennung, Zugehörigkeit, oder gar Liebe. Es entsteht ein ständiger Vergleich zwischen Geschwistern, Enkeln oder Cousins. Wer hat wann wieviel bekommen oder eben nicht. Verletzungen sind da vorprogrammiert und selbst objektive Nebensächlichkeiten bekommen das Potential für einen jahrzehntelangen Konflikt.

Wenn Sie als Außenstehender mit einer Familie in Kontakt kommen, wie groß ist Ihr Einfluss auf bestehende Konflikte? 

Ich habe natürlich keine Zauberformel, mit der ich alle Probleme lösen kann. Ich denke, im Prinzip bin ich der Spiegel, den ich den Menschen vorhalte. Meine Arbeit beginnt fast immer damit, dass ich alle involvierten Familienmitglieder interviewe – und zwar separat. Dabei wird deutlich, wie stark die Wahrnehmungen auseinandergehen: Der Patriarch betont, wie toll sich das Geschäft entwickelt hat, was er alles geschaffen hat und dass seine Kinder den Anforderungen nicht gewachsen sind. Die Kinder hingegen klagen über mangelnde Mitsprache oder dass sie nicht in geschäftliche Fragen einbezogen werden. Die Mutter übernimmt meist die Rolle des Chief Emotional Officer, sie ist der Klebstoff, der die Familie zusammenhält. Auf dieser Basis analysiere ich die Familiendynamik und versuche herauszufinden, welcher Konflikt die Familie am meisten beschäftigt. Den nehmen wir dann als erstes in den Blick. Grundlegend ist es, alle an einen Tisch zu bringen und ein Gespräch unter Gleichwertigen zu führen. Schon kleine Veränderungen im Gesprächsrahmen können dabei helfen, Menschen dazu zu zwingen, präziser zu formulieren und einander wieder zuzuhören.

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